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Vor uns die Sintflut!

(oder: the man who fucked his mind and found his luck)

Es war einer dieser Tage. Oder jener? Jedenfalls stand ich frühmorgens um 10 in der brütenden Sommerhitze an der Straßenbahnhaltestelle. Ich ließ einen mißtrauischen Blick über das Häufchen trübsinnig bis mordlustig dreinschauender Mitwartender holpern. Könnte jemand ein Kontrolleur sein? Oder eine Kontrolleurin? Am meisten verdächtigte ich eine junge Schwangere. Sie wäre so verdammt gut getarnt. Im Waggon verfeinerte ich meine Durch-die-Leute-durchschauen-Technik und verdrängte gleichzeitig die Gedanken über meine ungewisse Zukunft. Als die Bahn um die Ecke rollte und einen wunderschönen Blick auf den Donaukanal freigab, durchfuhr mich ein süßer Schmerz. Hallo Leben! Dieser Tag wird einer jener Tage werden! Heraus aus dem Trott, etwas Neues wagen, etwas ganz Anderes. Etwas wirklich Gutes...

Meine ersten Impulse waren noch nicht ES. Die Kronenzeitung meines Gegenübers mit der grässlichen Schlagzeile ARBEITSLOSE KATHOLIKEN IN DEN VATIKAN ABSCHIEBEN anzünden. Vor einem Altersheim einen zusätzlichen Zebrastreifen aufmalen. Meine 2 übriggebliebenen Gummis - die Affäre endete vor der Packung - der Aidshilfe spenden. Hmmpf. Dann kam mir die Eingebung. Ich würde heute jemanden integrieren. In die Gesellschaft oder so. Am Besten einen Ausländer! Juhui!
Ich rief mir die Definition von Integration ins Gedächtnis. "...bedeutet, anders als Assimilation und entgegen dem politischen Sprachgebrauch, aus zwei Elementen ein Neues zu machen, ein Ganzes, ohne daß die Identität eines Teiles verloren gehen muß. Dazu müssen beide Teile gleichberechtigt sein."

Klang erfrischend nach gutem Sex. Ich war einigermaßen enthusiasmiert und begann aufmerksam in die Gegend zu spähen. So entkam ich dem Kontrolleur, der sich als BILLA-Sackerl getarnt hatte. Ich überraschte ihn mit einem langgezogenen Faakartn bittä und verließ die Tram.

Vor ich mein Vorhaben umsetzen konnte, mußte ich noch das Arbeitspensum des Tages hinter mich bringen. Im Wesentlichen ging es darum meine Persönlichkeit so weit zusammenzuhalten, daß ich nicht ständig neben mir stand. Dazu wäre in unserem kleinen Büro nicht genügend Platz gewesen. Daneben absolvierte ich einige Telefonate und verwirrte die mithörende Staatspolizei mit der Durchgabe Vorarlberger Kässpätzle-Rezepte. Das würde ihnen einiges zu kauen aufgeben. Meine Neben-Nebentätigkeit als Ghostwriter für eine Initiative, die meinte den Patriotismus nicht länger den Patrioten überlassen zu wollen, sondern - ab diesem Punkt wurde es stets irgendwie verwirrend für mich. Ich textete also an einem Appell: "In tiefer Sorge..." Nein. "Entbrannt in flammender Besorgnis um dieses unser schönes Land.." "Ich bin das Echte, das Wahre, das von morgendlichen Blähungen geplagte Österreich.." "Ich bin ein gutes Land! Kommt mich doch mal besuchen..."

Über diesen Anstrengungen war ich ein wenig eingenickt. Den Rest der Zeit verbrachte ich mit wirren Träumen. Ich sah einen öden grauen Kasten, der ziellos durchs All raste. An einem Fenster erschien ein bärtiger Mann. Dahinter stand ein Schulchor. "Wir sind die BORG. Die Bundesoberstufenrealgymnasiasten. Widerstand ist zwecklos. Sie werden assimiliert!"
Nach der Werbung für Slipeinlagen tauchte ein FPÖ-Politiker auf, der etwas von der Notwendigkeit der Errichtung von Integrationslagern faselte, damit unsere schöne Kultur sich fortsetzen könne. Weiters forderte er, daß niemand seinen Geburtsort weiter als 100 m verlassen dürfe...

Verschwitzt erwachte ich. Spät genug, um auf ein Widerstandsfestl gehen zu können. Der Flyer war mit Puerto Resistance übertitelt und wetterte gegen die Regierung und das schlechte Wetter. Ich streifte mein rosarotes "Buchstabensuppe. Anarchy in the alphabet" T-Shirt über und betrat den düsteren Keller.
Dort traf ich einen Bekannten, der in mir meine Mission zum Leben erweckte. Er war aus der jugoslawischen Armee desertiert und lebte illegalisiert, ohne Möglichkeit auf Arbeit oder Aufenthaltsrecht in Wien. Seit Tagen hatte er die Wohnung aus Angst vor der Polizei nicht mehr verlassen. Sogleich begann er mit einem Redeschwall, dem ich zu folgen suchte, während mir jemand irgendetwas Verbotenes reichte, daß ich vorsichtshalber schluckte. Eine Stimme sagte "Inhalieren du Idiot".

Meine Aufmerksamkeit gehörte jedoch weiterhin X (Name der Redaktion entfallen), der mir von seinem tollen Plan erzählte, eine anarchistische mongolische Befreiungsbewegung für Montenegro zu gründen. Die Lösung liege darin die alte vergessene mongolische Identität der Menschen wiederherzustellen. Die Mongolen seien fast überall gewesen und überhaupt die Wurzel der meisten Kulturen, was sich beispielsweise im Hang zur überhöhten Geschwindigkeit auf der Autobahn äussere. Wenn mensch zu dieser Uridentität zurückkehre seien später erfolgte Spaltungen überwunden. Er habe diesen Plan auch bereits der mongolischen Botschaft in Wien erläutert, die etwas wie "asmabaladi" geäußert habe, was er durchaus positiv wertete. Ich fügte manchmal ein vielsagendes "Ja, die Kultur, die Kultur" oder stärker "ach, die Kultur! Überhaupt!" ein und hoffte damit zu seiner Integration beizutragen. Während ich an einer Tablette zog und mir ein paar Pilze hinters Ohr klemmte, murmelte ich noch "auch die Subkultur ist irgendwie kulturell. Vor allem, wenn der Strom ausfällt". Auf dem Klo stützte ich mich mit dem Kopf an der Wand ab und versuchte KULTURRAUSCH auf den Beton zu brunzen. Im Vornüberkippen kam es mir. "Freies Fluten! Das ist es!"
Es war ein guter Tag.

von Michael Nußbaumer, erschienen im Augustin, 1. Februarausgabe 2001


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