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Noch ein Ritual der Unterwerfung. Die Zwangs-Sprachkurse und die Integrations-Lüge

Integration

Integration

Mit dem Begriff Integration wird viel Unfug getrieben. "Integration" muss herhalten für vieles, das sich besser als Anpassungsdruck übersetzen ließe. Ein Beispiel sind die Zwangs-Sprachkurse, die nun unter dem schönfärberischen Titel "Integrationspakt" angekündigt wurden. Eine Stellungnahme im Augustin, die  in einem Kommentar der Zeitung "Die Presse" behandelt wurde.

Vorläufig beschränkten sich die bereits entwickelten Vorstellungen auf die Leistungen, die die eine Seite des Paktes, nämlich die NeuzuwanderInnen bzw. im Konzept der FPÖ auch die schon vor Jahren Zugewanderten zu erbringen haben. Was sie dafür geboten bekommen, wurde vorläufig noch nicht erwähnt. Wozu auch? Die wirtschaftliche Lage in zahlreichen Nicht Eu-Staaten ist schließlich schlecht genug, dass die Option Österreich auch weiterhin für genügend Menschen attraktiv genug sein wird, um dafür nicht nur jahrelange Verfahren samt den dazugehörigen Gebühren, sondern auch Eintritt- und Unterwerfungsritual in Kauf nehmen.

Also wissen wir momentan nur über die Pflichten der zu integrierenden (?), sich zu integrieren Habenden (?) IntegrantInnen (?) Bescheid. Und da wäre, vor allem anderen, die Verpflichtung, die deutsche Sprache zu erlernen, Sprachkurse zu besuchen und Tests abzulegen. Wer hier lebt, soll auch hier arbeiten dürfen? Nein, das ist nicht mehr aktuell. Dieses Prinzip, das Integration im Sinne des Aufbaus einer eigenständigen Existenz ja tatsächlich fördern würde, wurde zwar von Strasser und Schüssel vor ca. einem Jahr angedacht ,jetzt aber dezidiert wieder verworfen. Stattdessen: wer hier lebt, soll Deutsch können, muss Deutsch können.

Da staunt, wer in den letzten Jahren versucht hatte, für MigrantInnen einen Deutschkurs beim Arbeitsmarktservice zu erwirken und mit den Worten "wozu denn, ois Putzfrau brauchts eh net besser Deutsch redn" abgespeist wurde. Sollten wir es in Abgrenzung dazu nun mit Versuchen zur Chancengleichheit zu tun haben?

Nein, denn der große Haken ist, dass die Intention offensichtlich weniger auf Förderung, denn auf Selektion abzielt. Sprachkenntnisse sollen letzten Endes über die Aufenthaltsberechtigung entscheiden.. Bezahlen sollen die Selektion, wie sich bisher vernehmen lässt, die Selektierten. Wer die Preise für nicht geförderte Kursangebote kennt, kann sich ausrechnen, dass - je nach Lerntempo, Vorbildung etc. - in den meisten Fällen ein zumindest fünfstelliger Betrag zur Erlangung guter Deutschkenntnisse benötigt werden wird. Doch auch dafür wurde vorgesorgt: NeuzuwandererInnen dürfen eh erst ab einem Bruttoeinkommen von 26.000 ins Land - da lässt sich das dann auch noch berappen.

Natürlich passt dieser Integrationsvorschlag zu dem, was aus Sicht einer Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen von einer ÖVP/FPÖ Regierung zu erwarten ist. Doch im Grunde handelt es sich um die Fortsetzung einer alten, halbbewussten Grundhaltung mit anderen Mitteln: Wurde "Integration" bzw. ein Deutschkurs früher verweigert, so wird sie - oder: er, der Deutschkurs - heute aufgezwungen. Die eine Strategie mag als das Gegenteil der anderen erscheinen, doch ihr gemeinsamer Kern ist, dass beide Österreich als Subjekt setzen, das über andere bestimmen kann. Selbstbestimmung der MigrantInnen ist in beiden Sichtweisen kein Thema. In den Köpfen bildet sich dies als der oft bemühteVergleich mit dem eigenen Haus ab, .." wo ich mir ja auch aussuchen kann, wen ich reinlass´ und wen nicht".
Wie in der Schule: Kurs-Test-Zeugnis - Aufstieg oder Sitzenbleiben. Das richtige Wort für Leistungen, die bei sonstigem Entzug existentieller Rechte erbracht werden müssen: Integration? Nein, Zwang.

Denken wir die Sache einmal andersherum: nehmen wir an, es würde, im Sinne des Zusammenwachsens und der Integration der EU - Staaten, von allen EU-Bürgern die Beherrschung mindestens einer weiteren EU Sprache gefordert. Oder, all jene ÖsterreicherInnen, die ihren Arbeitsplatz in der Slowakei haben - bekanntlich arbeiten mehr ÖsterreicherInnen in der Slowakei als umgekehrt - müssten Slowakisch lernen - wie sieht´s dann aus mit der Logik von "wer hier lebt, muss sich auch verständigen können"...


Dieser Artikel wurde in einem Kommentar der Zeitung "Die Presse" behandelt
"Presse" vom 06.09.2001
Du zuerst Deutsch lernen!
Quergeschrieben - Der "Presse"-Kommentar von außen
THOMAS CHORHERR


Es ist Zeit, sich mit den Kenntnissen der deutschen Sprache zu befassen. Daß sie binnen kurz oder lang nicht mehr notwendig sein werden, wenn Englisch die "global language" sein wird, die Lingua franca der Welt, soll hier nicht zur Debatte stehen. Vielmehr ist gerade am Anfang des neuen Schuljahres aus gegebenem Anlaß zu fragen, welche Bewandtnis es denn tatsächlich mit den erwähnten Kenntnissen hat. Es gibt mehrere dieser Anlässe. Zwei möchte ich herausgreifen. Da ist einmal das Problem der Orthographie. Nicht der neuen, wohlgemerkt. Aber man kann (ausgerechnet im Schaufenster einer populären Buchgemeinschaft im Haus der Alten Generation) den einprägsamen Satz "Schuhle isd lustik" lesen. Mag sein, daß die Erfinder solchen Scherzes die weitere Entwicklung der deutschen Rechtschreibung vorwegnehmen wollten. Mag aber auch sein, daß sie nicht bedacht haben, was Volksschüler (und das müssen gar nicht die vielzitierten Taferlklassler sein) von diesem augenscheinlichen Werbespruch halten. Was ist zudem jenen Auto-Werbeleuten eingefallen, die sich das Wort "Vantastisch" ausgedacht haben? Wenn die dürfen - warum nicht auch ich? Darf der Lehrer unter solchen Umständen noch mit schlechten Noten operieren? Und darf - womit wir beim zweiten Beispiel sind - irgend jemand sich aufregen, wenn sich manch Zuwanderer zum Vorbild nimmt, was immerhin in einer Buchhandlung geschrieben steht? Allein, Rechtschreibung ist eine Sache und gesprochenes Deutsch eine andere.

Es ist neuerdings viel von einem "Integrationsvertrag" die Rede. Zuwanderer sollen sich hierzulande so verständigen können, wie es ihrem Umfeld entspricht. Nicht von einer Anpassung ist die Rede, die - oh Graus! - unter der Bezeichnung "Leitkultur" in Deutschland ebenso schnell erwähnt wie verworfen wurde. Aber jene, die hier leben und arbeiten wollen, sollen Deutsch können. Nicht fließend vielleicht, aber auch nicht radebrechend.

"Noch ein Ritual der Unterwerfung", titelt in einem auf den Straßen dieser Stadt feilgebotenen Blatt eine Marion Kremla, ausgewiesen als "Mitarbeiterin der Deserteurs- und Flüchlingsberatung". Wo käme man denn hin, wollte man verlangen, daß jene, die sich in Österreich auf Dauer aufhalten möchten, sich dem Zwang (nicht der Notwendigkeit?) des Deutschlernens zu unterwerfen hätten! Die Arbeitskollegen bringen einem ja ohnehin bei, was nötig ist: "Du holen gehen!" Oder andererseits, gewiß eine böswillige Beschreibung von Taxler-Deutsch: "Du sagen, ich fahren!" Ist das alles ein Problem für Soziolinguisten? In Spitälern und Ambulatorien sind manche Hinweistafeln auch in Fremdsprachen gehalten - etwa in türkisch oder serbokroatisch. Was nützt das, wenn da und dort der unbedingt notwendige Dienstposten für einen Dolmetsch gestrichen wird? Dann kann es schon vorkommen, daß ein besorgter Vater mit einem Säugling zur Kinderärztin kommt und sagt: "Nix essen, nix trinken, nur sch...!" Die Mutter durfte nicht mitkommen, die Diagnose war schwierig. Ich weiß nicht, was so falsch daran ist, von Zuwanderern den Besuch von Deutschkursen und allfällige Abschlußtests zu verlangen. In einem Sprach-Ghetto zu leben, kann für sie doch nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Wenn von der so wünschenswerten Integration gesprochen wird, darf diese nicht am "Ich nix deutsch" scheitern. Der Vorschlag eines auch sprachlichen Integrationsvertrags, so unausgegoren er sein mag, hat alle Plausibilität für sich. Er würde nebst allem anderen für die Zuwanderer auch den Vorteil haben, daß sie leichter angenommen würden. Vielleicht unterziehen sie sich dem "Ritual der Unterwerfung" lieber, als die Deserteurs- und Flüchtlingsberaterin ahnt.

Noch ein Ritual der Unterwerfung. Die Zwangs-Sprachkurse und die Integrations-Lüge von Marion Kremla, erschienen im Augustin August 2001

Du zuerst Deutsch lernen!, Kommentar von Thomas Chorherr in: "Die Presse" vom 06.09.2001


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