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Gedenkveranstaltung 2002

Kranzniederlegung 2002

Kranzniederlegung 2002

Kranzniederlegung bei Gedenkstein für Opfer der NS-Militärjustiz, 31.10.2002
Ausführlicher Artikel

"Es geht um die kollektive Rehabilitierung der Wehrmachts-deserteure."
Hugo Pepper, Widerstandskämpfer und Deserteur, bringt das Anliegen der versammelten Opfer der NS-Militärjustiz und ihrer Angehörigen auf den Punkt. An einem Gedenkstein für erschossene Wehrmachtsdeserteure im Wiener Donaupark trafen sich am Donnerstag erstmals seit 1945 ehemalige Soldaten, die wegen Fahnenflucht, Kriegsdienstverweigerung oder Wehrkraftzersetzung vom NS-Regime verfolgt wurden, um mit einer Kranzniederlegung der Opfer zu gedenken. Sie forderten vom Nationalrat die pauschale Aufhebung der NS-Urteile, eine Ende der Diskriminierung im Sozialrecht und die Aufnahme in die Opferfürsorge.

Im Jahr 1999 beschloss der Nationalrat, die juristische Rehabilitierung von Deserteuren in Angriff zu nehmen. "Daraus hat sich bisher nichts ergeben", ist Pepper von der Politik enttäuscht. "In Deutschland sind die Deserteure rehabilitiert worden. Bei uns nicht." Die Haltung der meisten Politiker in Österreich zu den entsprechenden Forderungen des Personenkomitees "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz" sei "vorsichtige Distanz". Pepper: "Man will es sich nicht verderben, mit denen die ihre Pflicht getan haben."

Vor dem Gedenkstein berichtete der Widerstandskämpfer von zwei Deserteuren, die im März 1945 "wegen Feigheit vor dem Feind" von einem willkürlich zusammengetretenen, selbsternannten "Feldgericht" zum Tode verurteilt und erschossen wurden. Er selbst habe als Angehöriger des militärischen Widerstandes eine Deserteursgruppe im niederösterreichischen Ybbstal vor den Nazischergen gerettet. "Damals sind Kinder zu uns gekommen, um zu fragen, ob die Deserteure jetzt aufgehängt werden."

Von seiner eigenen Flucht vor den NS-Militärbehörden erzählte der 98-jährige Zeuge Jehovas Leopold Engleitner aus Aigen-Vogelhub in Oberösterreich. Er versteckte sich in den letzten Wochen des Krieges in Almhütten und Höhlen. Zuvor hatte er die Konzentrationslager Buchenwald, Niederhagen und Ravensbrück überlebt. "Ich freue mich, es noch erleben zu dürfen, dass sich jetzt jemand für unsere Rehabilitierung einsetzt." Die grüne Abgeordnete Terezija Stoisits erklärte am Rande der Veranstaltung: "Es geht darum, die jahrzehntelange Isolation der Deserteure zu durchbrechen."

Das Personenkomitee erhielt in den letzten Tagen prominente Unterstützung. Die SchriftstellerInnen Elfriede Jelinek, Erich Hackl, Barbara Frischmuth und Johannes Mario Simmel unterstützen die Forderungen ebenso wie Leon Zelman, der Bund sozialdemokratischer Freiheitskämpfer oder der Rechtswissenschaftler Arno Pilgram vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie. Breite Unterstützung gibt es aber vor allem von Historikern und Politologen wie Walter Manoschek, der die Geschichte der Wehrmachtsdeserteure seit zwei Jahren erforscht, oder Wolfgang Neugebauer (DÖW). Die Anliegen werden weiters von den Grün-Abgeordneten Terezija Stoisits und Karl Öllinger unterstützt.

Am Ort des Gedenkens, dem ehemaligen Militärschießplatz in Kagran, starben zwischen 1938 und 1945 hunderte Wehrmachtssoldaten im Kugelhagel von Erschießungskommandos. Die meisten der Männer waren wegen Hochverrat, Wehrkraftzersetzung und Desertion zum Tode verurteilt worden. Ein Wehrmachtspfarrer zählte laut Exenberger vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes allein zwischen 1940 und 1943 insgesamt mehr als 1.000 Hinrichtungen von Soldaten. In Kagran wurden aber auch Homosexuelle aus den Reihen der Wiener Polizei hingerichtet, erklärt der Mitarbeiter des DÖW.

Bislang fehlten neben der Auseinandersetzung auch Publikationen über den "Militärschießplatz Kagran". Diese Lücke schließt nun Herbert Exenberger vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW). Gemeinsam mit Heinz Riedel recherchierte er die Fakten zur Hinrichtungsstätte. Bisher konnte er die biographischen Daten von 129 erschossene Personen eruieren. Herbert Exenberger schilderte eine Hinrichtung von Deserteuren. "Bei den Erschießungen schauten fanatische Nazis zu und Soldaten, die zum Zuschauen abkommandiert waren. Bevor die Deserteure erschossen wurden, riefen sie: Es lebe die Freiheit."


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