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Jahresbericht 1999

Entwicklungen 1999


Die Deserteurs- und Flüchtlingsberatung bietet seit acht Jahren rechtliche und soziale Beratung für AsylwerberInnen, MigrantInnen, Schutzbedürftige. Neben der allgemeinen Beratung wird die Spezialisierung der Beratungsstelle auf Kriegsdienstverweigerer aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens besonders genutzt.


Insgesamt 11 Personen engagieren sich in der Deserteurs- und Flüchtlingsberatung in den Bereichen Beratung, Übersetzung, Administration. Dem enormen Zustrom von Klienten ab Frühjahr 1999 konnte durch die Vergrößerung des Teams und einen Akademikertrainee ab September begegnet werden.

Für die notwendig gewordene durchgehende Besetzung des Büros wurden entsprechend der Sozialversicherungspflicht freie Dienstverträge mit einzelnen MitarbeiterInnen geschlossen.


Der Krieg im Kosovo prägte die heurige Arbeit der Deserteurs- und Flüchtlingsberatung entscheidend.
Weiters sind es die unterschiedlichen Ursachen und Problemlagen illegalen Aufenthalts, die teilweise jahrelang in Österreich lebende Menschen zu uns führen.

Zu steigender Bekanntheit und dadurch erhöhter Beratungstätigkeit hat auch die Durchführung der Kampagne "Kein Mensch ist illegal – Menschenrechte sind unteilbar" aus den Mitteln des Menschenrechtsjahres 1998 geführt.


Angesichts der sehr heterogenen Problemlagen war die Kooperation ein wesentliches Mittel zu erfolgreicher Betreuung.mit anderen NG0´s sehr wichtig. Insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Verein Hemayat (medizinische und psychotherapeutische Unterstützung) war durch die gestiegene Anzahl traumatisierter und teilweise suizidgefährdeter KlientInnen

KlientInnen

Die Gesamtzahl der Beratungskontakte stieg 1999 auf etwa das Doppelte des Vorjahrs, d.h. auf 1083. Wie der beigelegten Grafik zu entnehmen sind 52% der KlientInnen AlbanerInnen aus dem Kosovo und weitere 15% der KlientInnen kommen aus anderen Gebieten der BR Jugoslawien. Sinkend ist der Anteil bosnischer KlientInnen


Weiters konnten wir eine Zunahme jener Schutzsuchenden, die aus afrikanischen Ländern kommen, feststellen.

Das Alter der Menschen, die unser Angebot nutzten, lag zwischen 20 und 30 Jahren. Auffällig bezüglich des Alters ist, daß wir im vergangenen Jahr vermehrt mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen konfrontiert (siehe Statistik Altersverteilung)


Da wir den Grundgedanken einer umfassenden Beratung verfolgen und die Mitarbeiterinnen unterschiedliche Ausbildungen und Berufserfahrungen haben , konnten auch 1999 neben der juristischen Beratung verschiedene Bereiche abgedeckt werden (siehe Statistik Problemlagen der KlientInnen).




Aufgabenbereiche


Rechtsberatung


Einen Großteil der Zeit widmeten wir auch heuer wieder der Begleitung im Asylverfahren und in fremdenpolizeilichen Verfahren. Wir bereiteten auf Asylverfahren vor, erklärten rechtliche Schritte, erhoben Berufungen, begleiteten zu Einvernahmen, suchten um Verfahrenshilfe an, unterstützten bei der Suche nach AnwältInnen, besuchten Menschen in der Schubhaft etc. Breiten Raum nahmen die Vorbereitung und Begleitung zu Verhandlungen des Unabhängigen Bundesasylsenats in Anspruch.

Im fremdenpolizeilichen Bereich ergriffen wir Rechtsmittel gegen Ausweisungen, Aufenthaltsverboten und Strafen wegen illegalem Aufenthalt. Wir stellten Anträge auf Abschiebungsaufschub, auf die Unzulässigkeit der Abschiebung oder auf Niederlassungsbewilligungen. Auch heuer gestalteten sich die Wege zu einem gesicherten Aufenthalt in Österreich immer wieder schwierig.

Im vergangenen Jahr erhielten aber dennoch insbesondere AsylwerberInnen aus dem Kosovo Asyl oder eine Niederlassungsbewilligung.

Bei den Niederlassungsbewilligungen stehen Probleme wegen Scheidung und der an die Ehe gebundenen Bewilligung im Vordergrund.



Sozialberatung



Notunterbringung: 1999 waren wir vermehrt mit der Situation obdachloser KlientInnen, darunter zahlreiche Jugendliche, konfrontiert. Wir konnten Notunterkünfte, die Unterbringung in Jugendheimen oder Privatunterkünfte vermitteln.



Medizinische Betreuung: in zahlreichen Fällen konnten wir wieder engagierte ÄrztInnen, PsychologInnen und TherapeutInnen vermitteln. Weiters konnten die KlientInnen gratis Medikamente bekommen. Diese Betreuungen stellen eine große Hilfe für die Betroffenen dar, aber es ist bislang nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und eine umfassende Gesundheitsvorsorge ist noch lange nicht gegeben.



Versorgung mit Kleidung: vor allem minderjährige Flüchtlinge traten mit der leisen Bitte an uns, warme Kleidung zu bekommen. Viele Menschen stellten uns ihre Kleidungsstücke zur Verfügung, die wir an die Burschen und Mädchen weiterleiten konnten.



Bildung und Freizeit: sehr oft in diesem Jahr konnten wir sehr günstige Kurse (Deutsch, Computer, Englisch, ...) vermitteln. Wir verwiesen an andere Organisationen, Jugendeinrichtungen, die eine Freizeitgestaltung anbieten.

Flohmarkt: Zwei von uns organisierte und gemeinsam mit einigen KlientInnen betreute Flohmarktstände erwiesen sich als gutes Mittel zu mehr Eigenständigkeit, Beschäftigung und einem kleinen Einkommen für die Flüchtlinge.




Privates: viele der KlientInnen lernen wir im Laufe von Verfahren gut kennen. Oft vertrauten sie uns auch ihre privaten Sorgen und Erfolgserlebnisse mit. Die Räumlichkeiten und die angenehme Atmosphäre in der Bürogemeinschaft der Arbeitsgemeinschaft für Wehrdienstverweigerung, Gewaltfreiheit und Flüchtlingsberatung boten immer wieder die Möglichkeit für Treffen zwischen den KlientInnen oder einem Plauderstündchen oder zum Austausch und zum gegenseitigen Kennenlernen.




Politische Forderungen


Angesichts der Problemlagen unserer KlientInnen drängen wir auf die Ausweitung der Möglichkeiten eines Aufenthaltsrechts aus humanitären Gründen, auf dauerhafte Aufenthaltsmöglichkeiten für Schutzbedürftige und auf eine umfassende Unterstützung und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Eine Anwendung der UNHCR – Richtlinien bei der Beurteilung von Asylanträgen, die auf Desertion basieren, findet weiterhin nicht statt. An ihre Existenz werden wir weiterhin beständig erinnern müssen.


Öffentlichkeitsarbeit


Durch Vorträge und Artikel, speziell auch zum Thema Deserteure, haben wir auch heuer wieder versucht Mißstände aufzuzeigen und über die Situation von AsylwerberInnen, MigrantInnen zu berichten.

Für ein halbes Jahr koordinierten wir die Kampagne "Kein Mensch ist illegal", deren Hauptaugenmerk auf breiter Öffentlichkeitsarbeit lag. Nähere Informationen dazu bietet der Bericht.



Falldarstellung:

Abschließend ein Fallbeispiel, um die Komplexität der Beratung zu verdeutlichen:

N. kam mit 19 Jahren alleine nach Österreich. Er war vor dem Krieg im Kosovo geflüchtet und stellte hier einen Asylantrag. Nach einigen Monaten, die er in diversen Flüchtlingslagern verbrachte, kam er nach Wien und wurde von einer anderen Menschenrechtsorganisation an uns verwiesen. Zunächst nahmen wir Akteneinsicht am Bundesasylamt und erhoben gegen den negativen Bescheid vom Bundesasylamt Berufung. Nach einiger Zeit hatte N. genug Vertrauen gefaßt und erzählte von seinen Erlebnissen während des Krieges, seinen Ängsten und Wünschen. Einer davon war Deutsch zu lernen. Ein Mitarbeiter konnte einen Gratiskurs organisieren, den er seit einigen Monaten besucht. N. hatte seit seiner Ankunft keinen Kontakt zu seinen Angehörigen und machte sich sehr große Sorgen. wir telefonierten mit dem Roten Kreuz und gaben Suchaufgaben auf, die bislang aber leider erfolglos geblieben sind. N. ist nicht in Bundesbetreuung und besitzt daher keine Versicherung. Bei gesundheitlichen Problemen, konnten wir ihn an engagierte ÄrztInnen vermitteln, die ihn gratis versorgten und auch Medikamente zur Verfügung stellten.

Weiters äußerte er vermehrt den Wunsch nach einer sinnvollen Freizeitgestaltung, um seine Tage nicht ständig in der Notunterkunft verbringen zu müssen und Kontakt zu Gleichaltrigen herstellen zu können. Wir verwiesen ihn an die Jugendeinrichtungen Interface und Echo, die er nun regelmäßig besucht und die Angebote dort wahrnimmt. Da es für AsylwerberInnen im allgemeinen sehr schwierig ist Arbeit zu finden, hat auch N. nicht viel Geld zur Verfügung. Dies veranlaßte uns gemeinsam mit anderen jungen Flüchtlingen und MitarbeiterInnen am Flohmarkt gespendete Gegenstände und Kleidung zu verkaufen.

Derzeit befindet sich N. wieder in einer schwierigen Lebensphase. Er hat große Angst vor der Zukunft, die Ungewißheit über seine Verwandten und Freunde sowie die Erlebnisse während des Krieges beschäftigen ihn sehr. Er möchte psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Diesbezüglich wurde bereits Kontakt mit Hemayat aufgenommen.


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