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Folternarben durch 'Stammesrituale'

Unser Klient Dan-Patrick Z. soll abgeschoben werden, obwohl medizinische Gutachten Folterspuren und ein schweres Trauma feststellten. Der Standard berichtete darüber.

Drei FachärztInnen bestätigten, dass Dan-Patrick Z., Flüchtling aus Sierra Leone, schwer traumatisiert ist und in seiner Heimat gefoltert wurde. Der Unabhängige Asylsenat glaubte ihnen nicht: Die psychische Krankheit sei gespielt, die Narben am Körper kämen von "Stammesritualen". Nun soll Z. abgeschoben werden.

Seit acht Monaten ist Dan-Patrick Z. in therapeutischer Behandlung und nimmt drei verschiedene Psychopharmaka. Der 21-jährige Asylwerber aus Sierra Leone leidet unter einem schweren Trauma: Als er 14 Jahre alt war, sei seine Mutter vor seinen Augen von Regierungssoldaten vergewaltigt worden und an den Folgen der Misshandlungen gestorben, erzählt sein Psychiater, der Wiener Arzt Sama Maani. Danach sei er als Mitglied einer Protestbewegung für zwei Jahre inhaftiert und selbst schwerer körperlicher Folter ausgesetzt worden.

Heute sitzt Z. erneut in Haft: im Schubgefängnis am Hernalser Gürtel in Wien. Sein Psychiater ist fassungslos: In der Schubhaft werde er retraumatisiert. "Wenn er abgeschoben wird, ist mit dem Schlimmsten zu rechnen", sagt Maani im Gespräch mit derStandard.at. Sein Patient sei stark suizidgefährdet. "Das ist ein unmöglicher Zustand, er muss da schnell wieder raus."

Trauma und Narben
Vor zweieinhalb Jahren suchte Z. in um Österreich Asyl an, im Vorjahr kam der ablehnende Bescheid. Z. ging in Berufung - und legte drei neue Gutachten vor: Zwei Befunde diagnostizierten eine starke posttraumatische Belastungsstörung, ein Nuklearmediziner stellte deutliche Folterspuren fest.

Doch der Unabhängige Asylsenat (UBAS) glaubte den ÄrztInnen nicht: Die Foltermale könnten genauso gut von "Stammesritualen" stammen, so die UBAS-Referentin. Und was die Traumatisierung betrifft, könne davon ausgegangen werden, dass die beiden ÄrztInnen - neben Maani auch Z.s Psychotherapeutin - der Schauspielkunst des Patienten aufgesessen seien.

Vorgetäuschte Symptome "undenkbar"
Maani hat als Mediziner seit vier Jahren mit Asylverfahren zu tun. Eines sei ihm noch nie untergekommen: "Dass sich eine Juristin anmaßt, medizinisch fundierter informiert zu sein als ein Facharzt." Das nuklearmedizinische Gutachten stamme von einem international anerkannten Experten für das Identifizieren von Folterspuren. Und was die Traumatisierung betrifft, sei es undenkbar, dass sich Z. jene detaillierten medizinischen Kenntnisse angeeignet hätte, die es ihm erlauben würden, die typischen Symptome einfach "vorzuspielen". Schließlich wären das "Kenntnisse, die man nicht einmal bei allen Fachärzten voraussetzen kann", so Maani, der sich wundert: "Wenn die Referentin die Gutachten anzweifelt, warum holt sie kein Gegengutachten ein?"

Eine Praxis, die auch Georg Bürstmayr, Mitglied des Menschenrechtsbeirats im Innenministerium mit Skepsis sieht: "Wenn Berufungen derart frei schwebend abgewiesen werden, dann scheint das ein Verfahrensfehler zu sein." UBAS-Vorsitzender Harald Perl distanziert sich im derStandard.at-Gespräch nicht von der Vorgangsweise der Referentin: Aus seiner Sicht habe es eine intensive Auseinandersetzung mit den vorgelegten Gutachten gegeben.

Ob dem so war, dürfte nun der Verwaltungsgerichtshof klären: Z.s BeraterInnen wollen eine Beschwerde einbringen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 28.3.2007)


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