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Schliessung des Flüchtlingsheims Gänsbachergasse in Wien

Seit Montag, 29. Oktober 2007, wird das AsylwerberInnenheim Gänsbachergasse auf Aufforderung des Fonds Soziales Wien geräumt. Bis zum 9. November 2007 sollen alle BewohnerInnen in anderen Quartieren in Wien aufgeteilt werden. 

Das Haus Jupiter wurde seit 2003 als Heim für AsylbewerberInnen genutzt und soll nun geschlossen werden. Die BewohnerInnen kritisierten die Umsiedlungsaktion. Für sie bedeutet es einmal mehr, aus einer gewohnten Umgebung gerissen zu werden. Die Vorfälle rund um die Räumung zeigen auf, wie manche Betreuungsorganisationen und angeblich soziale Einrichtungen mit Flüchtingen umgehen.

Die Information über die Räumung des Flüchtlingsheimes kam sehr kurzfristig. Nicht einmal eine Woche vorher wurden die BewohnerInnen davon in Kenntnis gesetzt. Selbst die BetreuerInnen wurden erst am 23. Oktober mit einem kurzen Brief informiert, gaben die Nachricht aber umgehend weiter.

Dass für die 130 BewohnerInnen vorerst nur 103 freie Plätze vorhanden sind, wirkt auf die aufgebrachten BewohnerInnen auch nicht beruhigend. Andere Unterkünfte wurden von der geplanten Umsiedelung ebenfalls derart spät informiert, dass sie nur in großer Hektik oft nur provisorische Schlafplätze einrichten konnten. Engagierte BetreuerInnen in manchen anderen Häusern geben ihr bestes, die vom Fonds Soziales Wien und dem Roten Kreuz verursachten Dramen für die Betroffenen menschlich erträglich zu gestalten. Zwangsläufig stoßen sie dabei aber auch an ihre Grenzen. Etwa wenn völlig ungeklärt ist, wie Kinder künftig in ihre Schulen gebracht werden können, wenn sie nun am anderen Ende der Stadt wohnen, und wie soziale Kontakte gepflegt werden können, die das Leben langsam erträglich gemacht haben.

Die BewohnerInnen werden nicht nur aus ihrer langsam gewohnt gewordenen Umgebung gerissen, sie werden auch auseinandergerissen, da sie über die ganze Stadt verteilt werden.

Viele der BewohnerInnen wollten dies alles nicht unwidersprochen über sich ergehen lassen. Sie formulierten eine Petition, die von den meisten Menschen im Haus unterschrieben wurde. Sie kündigten eine Kundgebung an für den Zeitpunkt, zu dem VertreterInnen des Fonds Soziales Wien und des Roten Kreuzes am 25. Oktober ins Haus kommen wollten, um den BetreuerInnen die Pläne schönfärberisch vorzustellen.
Auch wenn diese VertreterInnen mit den BewohnerInnen direkt nicht sprechen wollten, suchten die BewohnerInnen ganz energisch und nachdrücklich das Gespräch, stellten Fragen, forderten Erklärungen ein.

Einzelne BewohnerInnen erwogen, das Haus nicht freiwillig verlassen zu wollen. Daraufhin drohten VertreterInnen des Fonds Soziales Wien und des Roten Kreuzes damit, dass sie bei Widerstand aus der Grundversorgung geschmissen würden, und somit alle Ansprüche auf Schlafplatz, Geld und Versicherung verlieren, praktisch ihrer materiellen Existenzgrundlagen beraubt werden. Und damit nicht genug: Familien würden die Kinder von der Fürsorge weggenommen werden. Offiziell werden diese Drohungen freilich nicht bestätigt.

Die Kombination aus Drohungen und der Verweigerung seriöser Information von seiten des Fonds und des Roten Kreuzes begünstigte auch die Bildung von Missverständnissen und Gerüchten. Ein Bewohner begann aus Panik einen Hunger- und Durst-Streik, den er nach Gesprächen mit BetreuerInnen, die besonders gravierende Befürchtungen ausräumen konnten, aber wieder abbrach.

Sorge bereitet den BewohnerInnen auch, wie sie ihr weniges Hab und Gut mitnehmen können. Viele selbst besorgte Einrichtungsgegenstände können in vollmöblierte Unterkünfte nicht mitgenommen werden. Sollten sie diese nach etwaigen weiteren Übersiedlungen wieder brauchen, müssen sie diese wieder neu auf eigene Kosten beschaffen.

Nach außen geben sich sowohl Rotes Kreuz als auch Fonds Soziales Wien ganz verschlossen, von beschönigenden Presseaussendungen abgesehen. Nachfragen zB von ORANGE 94.0, dem Freien Radio in Wien, wurden zumeist einfach nicht beantwortet. Den BetreuerInnen im Haus wurde Redeverbot erteilt.

Noch am 29. Oktober erhielt die nun ehemalige Leiterin des Heimes Hausverbot. Über die Gründe gibt es ebenso wenig Informationen wie darüber, ob sie gekündigt, beurlaubt oder versetzt wurde. Vom Roten Kreuz wurde mitgeteilt, sie sei erkrankt. Welche sie gesehen haben, konnten dies aber nicht bestätigen. Seit 30. Oktober soll auch einer der Zivildiener nicht mehr ins Haus dürfen.

Grund für die Desinformationspolitik des Roten Kreuzes dürfte die berechtigte Sorge sein, dass die unmenschliche Vorgangsweise die Spendenfreudigkeit von UnterstützerInnen beeinträchtigen könnte. Als Grund für die überstürzte Absiedelung werden Immobilienspekulationen vermutet, da die Grundstückpreise in diesem Viertel im Zuge der Errichtung eines neuen Stadtteils beim nahen künftigen Hauptbahnhof explodieren.

Eigentlich hätte die ganze Aktion von der Öffentlichkeit unbemerkt über die Bühne gehen sollen. Engagierte BewohnerInnen und Freie Medien (ORANGE 94.0, n3tw0rk, Indymedia) verhinderten dies. Am Tag vor Beginn der Übersiedelungen meldeten sich auch die Grünen zu Wort. Tags darauf beschwichtigte die SPÖ, hetzte das BZÖ, und selbst die bürgerliche Öffentlichkeit in Form zB des Standards raffte sich auf, Notiz zu nehmen.

Von praktischer Solidarität seitens beispielsweise autonomer Linke, wie bei Häuserräumungen im eigenen Dunstkreis üblich und immer wieder hochpathetisch eingefordert, konnte freilich auch zu keinem Zeitpunkt die Rede sein.

Aktuelle Informationen auf at.indymedia.org

Weitere Links zum Text:

10 Interviews mit BewohnerInnen:
http://cba.fro.at/show.php?eintrag_id=8201


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