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Hinter der Stadtgrenze – zwei Ausflüge zu den ErdbeerflückerInnen im Marchfeld

Bericht der Aktionsgruppe „Bittere Ernte“

Im Juni 2008 fuhren wir, eine Gruppe von ca. 20 AktivistInnen, mehrere Male ins Marchfeld, ausgerüstet mit ca. 4000 Flugblättern in 7 verschiedenen Sprachen. Hintergrund war, dass zu dieser Zeit die Erdbeerernte voll im Gange war. Mehrere tausend SaisonarbeiterInnen arbeiten Jahr für Jahr im Marchfeld, die größten Betriebe beschäftigen mehr als hundert ArbeiterInnen.

Die Region gehört größtenteils zum Bezirk Gänserndorf, außerdem zählen weite Teile des 21. und 22. Bezirks dazu. Das Gebiet wird im Westen von Wien, im Osten von der March bzw. der slowakischen Grenze, im Süden von der Donau und im Norden vom Weinviertler Hügelland begrenzt. Aufgrund der flachen Topographie eignete sich das Marchfeld seit jeher für intensive landwirtschaftliche Produktion – noch lange nach dem 2. Weltkrieg war die Region als Kornkammer Österreichs bekannt, nach dem sukzessiven Preisverfall für Getreide stiegen viele Betriebe in den 80er und 90er Jahren auf arbeitsintensives Feldgemüse, Spargel und Erdbeerkulturen um. 

Bereits Anfang Mai diesen Jahres hatten sich Interessierte aus dem Umfeld der ÖBV - Via Campesina Austria, des Europäischen BürgerInnenforums, Agrar-ATTAC, der Zeitschrift grundrisse, der in Wien erscheinenden polnischsprachigen Zeitung Polonika sowie anderer Gruppen und Einzelpersonen zusammengefunden, um darüber nachzudenken, wie landwirtschaftliche SaisonarbeiterInnen während ihres Aufenthalts in Österreich unterstützt werden könnten. Denn wie aus einer Vielzahl an Recherchen und journalistischen Berichten, die in den letzten Jahren erschienen sind, hervorgeht, sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen von SaisonarbeiterInnen v.a. in der Spargel- und Erdbeerproduktion, aber auch bei anderen arbeitsintensiven Obst- und Gemüsekulturen nicht selten äußerst miserabel. Es handelt sich um einen Niedriglohnsektor, der von ÖsterreicherInnen seit Jahrzehnten gemieden wird und der buchstäblich frei ist von jeglichen gewerkschaftlichen Strukturen. Wie wir von den ArbeiterInnen erfuhren, werden für ein Kilogramm gepflückter Erdbeeren momentan 30 Cent bezahlt.

Im Vorfeld organisierten wir mehrere Arbeitstreffen, fixierten die Orte, die besucht werden sollten und einigten uns auf den Inhalt des Flugblattes. Dieses umfasst die Eckdaten des Kollektivvertrags für ErntehelferInnen, Hinweise in Bezug auf Unterbringung und Verpflegung, Sicherheit und Arbeitsklima, sowie Kontakttelefonnummern. Erfreulicher Weise kam eine Kooperation mit dem Verein Notruf zustande, der die Aktion unterstützte und anbot, eine Telefonnummer für Frauen, die an ihrem Arbeitsplatz von sexualisierter Gewalt betroffen sind, am Flugblatt anzuführen.


Zentral in unseren vorbereitenden Diskussionen war der Anspruch, die Verhältnisse, die diese Formen der Ausbeutung erzeugen, strukturell zu verstehen, und insbesondere Ansatzpunkte zu suchen, wie mensch sie verändern kann. Was wir vermeiden wollten, war die Reproduktion von Erklärungsmustern eindimensionaler Betroffenheit. Uns ist klar, dass die SaisonarbeiterInnen, von denen wir reden, keine homogene Gruppe sind, und außerdem innerhalb der gegebenen Möglichkeiten selbst entscheiden, in welche Arbeitsverhältnisse sie sich begeben.


Grundtenor innerhalb der Gruppe war, dass wir unsere Aktion mit entsprechender Vorsicht angehen wollten. Dies einerseits aus fehlender Erfahrung in diesem Terrain – in Bezug auf die Arbeitsbedingungen im Marchfeld gab es bisher keinerlei Interventionen von Gewerkschaften oder NGOs, auf die mensch sich beziehen könnte – andererseits angesichts der Gefahr, dass wir bei zu aufdringlichem Agitieren eher die Arbeitsplätze der SaisonarbeiterInnen gefährden würden als ihre Situation zu verbessern.

Wir entschlossen uns, in den Abendstunden, nach Ende des Arbeitstages, in den Orten anwesend zu sein, um mit den ErntehelferInnen in einer ruhigeren Atmosphäre ins Gespräch kommen zu können. Auf dem Feld, bei der Anwesenheit von Vorarbeitern und unter dem Druck der (Akkord-) Arbeit würde das Verteilen von Flugblättern nur in einer „hit and run“- Manier erfolgen können, was wir vermeiden wollten.

Beim Spazieren gehen in den Ortschaften (insgesamt waren wir in ca. 10 Dörfern) gegen Abend gelang es uns, mit ArbeiterInnen näher ins Gespräch zu kommen. Übersetzungen der Flugblätter auf Polnisch, Tschechisch, Rumänisch, Serbokroatisch, Ukrainisch und Türkisch waren vorhanden. Unter den AktivistInnen, die an dem Ausflug teilnahmen, waren einige Native Speakers.

Welche Repressionsgewalt Vorarbeiterstrukturen auf den großen Betrieben beizumessen ist, bekam eine unserer Gruppen bei zwei Besuchen zu spüren, als ein Vorarbeiter auf einem Betrieb mehrmals damit drohte, die Polizei anzurufen. Um einiges schlimmer als diese Androhung war allerdings die Tatsache, dass sämtliche ArbeiterInnen, mit denen wir bereits in interessante Gespräche vertieft waren, diese abrupt abbrachen, als der Vorarbeiter auftauchte.
Bei vielen Gesprächen zeigte sich die äußerst starke, schwer durchschaubare Hierarchisierung der Gruppen von ErntehelferInnen. Wir bekamen zu hören, dass manche ArbeiterInnen mehrere tausend Euro Vermittlungsgebühr bezahlen, manche viel weniger, je nach Nähe zur Vermittlerstruktur. Eine andere wichtige Frage war die des Transports: eine Gruppe von rumänischen ArbeiterInnen war anlässlich der Heimfahrt mit dem Fahrer/Arbeitsvermittler in Streit gekommen: dieser verlangte weitere 100 Euro für die Heimfahrt, was zu Beginn der Arbeit nicht abgemacht worden war.
Ein genaues Verständnis der Dynamik dieser sozialen (Unter-)Privilegiertheit der unterschiedlichen (Sub-)Gruppen auf den einzelnen Höfen wäre allerdings Voraussetzung einer sinnvollen Unterstützung der ArbeiterInnen. Einstweilen ist noch offen, ob und mit welchen Mitteln der Untersuchung und Intervention diese Arbeit geleistet werden kann. 

Eines der vorrangigen Ziele unserer Aktion war ja, ArbeiterInnen kennenzulernen, die die Bedingungen ihrer Arbeit in Österreich verändern wollen und die wir dabei unterstützen können. Denn nur mit ihrer Zustimmung und Beteiligung kann gewährleistet werden, dass eine Intervention von außen nicht Arbeitsplätze gefährdet und am Ende nicht mehr Verwirrung stiftet bzw. Repression hervorruft als aktive Widerständigkeit fördert. Es wäre übertrieben zu behaupten, wir hätten bei diesem ersten Schritt des Flugblatt-Verteilens nicht mehr neue Fragen als Antworten gefunden. Wir denken allerdings, dass das Kennenlernen der Strukturen dieser weithin ignorierten und gut abgeschotteten Realität landwirtschaftlicher Produktion unabdingbare Voraussetzung für Intervention darstellt. Was wir bisher haben, sind punktuelle Einblicke in die Thematik und einige Kontakte zu ArbeiterInnen.

In engem Zusammenhang mit den Produktionsbedingungen steht die Logik der agrarkapitalistischen Vermarktung. Denn die Preisdrückerei im Lebensmittelsektor hat unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen und die Löhne in der Landwirtschaft. Unabhängig von unseren Vorbereitungen entwickelte eine andere politische Gruppe ein Flugblatt, das die Arbeitsbedingungen in der Spargelernte kritisiert, und sich mit dieser Kritik an die KonsumentInnen wendet. Dieses Flugblatt ist dazu gedacht, in und vor Supermärkten verteilt zu werden.

Was die Flublattaktion im Marchfeld betrifft, wurde uns klar, dass wir hier mit einer hohen Komplexität und Widersprüchlichkeit konfrontiert sind, die zeigt, dass die Formen politischer Intervention selbst immer wieder zu hinterfragen sind. Paternalistische "Solidarität" ist Teil des Problems. Einen Horizont stellt für uns die Suche nach Formen der und Möglichkeiten für emanzipatorische Selbstorganisation der SaisonarbeiterInnen dar. Wie wir uns als politisch Aktive zu dieser unterschlagenen Wirklichkeit verhalten (können), ist eine Frage, die wir in Zukunft mit Sicherheit weiter bearbeiten werden.

 Kontakt: ernte@lnxnt.org

 


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