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Deserteurs- und Flüchtlingsberatung – eine Beratungsstelle in vier Szenen

Eine anschauliche Beschreibung des Alltags in der Beratung, danach und dazwischen...

Szene 1:
„Grüß Gott, bin ich da bei der Deserteursberatung? Also, ich bin in einer Kaserne in Niederösterreich als Präsenzdiener und will eigentlich…“ „ Oje, da sind Sie leider bei uns nicht ganz richtig. Ich kann Ihnen aber die Nummer…“ „ Wieso, Sie heißen doch Deserteursbeatung??“ „ Ja schon, aber..“

Ohne kleinen historischen Exkurs zur Namensgebung lassen sich Situationen wie diese kaum klären. Also: im Dezember 1991 stellte sich heraus, dass der Krieg zwischen Kroatien und Serbien weitaus weniger stark von der Bevölkerung mitgetragen wurde als medial kolportiert. Unzählige junge Männer verweigerten die Einberufung zum Kriegsdienst oder verließen ihre Truppen. Der Großteil tauchte unter, viele gingen aber auch ins Ausland – zum Beispiel nach Österreich. Diese Verweigerer zu unterstützen war der Grundgedanke des ursprünglich geplanten Projekts Deserteursberatung. In praktischer Hinsicht bedeutete dies, Kriegsdienstverweigerer in ihren Asylverfahren zu unterstützen. Politisch ging damit die Forderung nach der Anerkennung von Desertion als Asylgrund einher.
Ursprünglich als temporäres, kleines Projekt geplant, riss der Zustrom bald nicht mehr ab. Zum einen wurde unter den Flüchtlingsberatungsstellen in Wien bekannt, dass es hier eine spezialisierte Stelle gab, zum anderen sorgte die politische Entwicklung im ehemaligen Jugoslawien dafür, dass die Nachfrage nicht nachließ. Schon längst war Desertion nicht mehr der einzige Fluchtgrund. Die Umbenennung in Deserteurs- und Flüchtlingsberatung trug dem im vierten Jahr des Projekts Rechnung. Heute kommen die KlientInnen aus über dreißig verschiedenen Ländern, immer deutlicher wird in der Statistik der Schwerpunkt Westafrika, während die Zahlen aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens sinken.

Szene 2:
Mittwoch, der 676. offene Beratungsabend in 13 Jahren: „ I need to see a lawyer“. „ Ok, would you come with me? How can I help you?”. Staunen. Der “lawyer” ist eine junge Frau mit Dreadlocks und Kapuzenshirt. Lawyer ist der Begriff, der sich als Synonym sowohl für Anwalt oder Anwältin als auch Berater bzw. Beraterin in der Kommunikation mit den KlientInnen durchgesetzt hat. Dennoch decken sich die Bilder des neuen Klienten, wie es bei einem solchen lawyer-Verein zuzugehen hat, offenbar nicht mit der Realität, die ihn da umgibt. Nummer sieben der Warteliste folgt zögernd an den zwanzig anderen Wartenden vorbei in den Beratungsraum. Immerhin wird bald klar, dass ein Teil seiner Probleme sofort angegangen werden kann. Wegen der Mahnung der Wiener Linien wird die Beraterin Kontakt aufnehmen. Die andere Geschichte, wegen der er hier ist – er bekam plötzlich kein Grundversorgungsgeld mehr ausbezahlt - erfordert noch einige Recherchen.

Szene 3:
Derselbe Mittwoch, halb zehn Uhr abends. Der letzte Beratungssuchende ist gegangen, höchste Zeit für die wöchentliche Teambesprechung. Heute nehmen daran auch zwei große Kisten Altkleidung teil, Reste vom letzten Benefiz-Flohmarkt. Irgendwo darin müssen Jeans in Männergrößen sein, optimalerweise W 34 L 32 für den Klienten in U-Haft, der ganz gerne einmal seine Hose wechseln würde. Beraterin T. wühlt, der Rest beginnt inzwischen mit der Fallbesprechung. Von den 28 Klienten, die heute hier waren, kamen der überwiegende Teil wegen Routinefragen. Fünf Fälle sind komplexer und erfordern eine gemeinsame Diskussion. Die geklaute Grundversorgungskarte ist einer davon. Der Täter holt sich damit offenbar den dem Bestohlenen monatlich zustehenden Betrag von 180 Euro ab. Ein anderer Fall betrifft das frischgebackene Ehepaar O. Die beiden sind seit rund einem Jahr ein Paar und seit drei Monaten verheiratet. Nun gibt es einen Trauschein, aber noch immer kein Niederlassungsbewilligung. Herr O. ist nach wie als Asylwerber aufenthaltsberechtigt! Und solange er das ist, wird der Antrag auf die Niederlassungsbewilligung nicht entschieden. Was soll er tun? Murren von links hinten: das haben wir doch schon so oft besprochen. Ja, schon, aber noch keine befriedende und vor allem rasche Lösung gefunden.

Szene 4:

Gewusel. Auf einem riesigen Transparent wird dem Logo der letzte Feinschliff verliehen. Zwischen Farbtöpfen und Linealen liegen To-do- und Einkaufslisten. Die Öffi-Ag tagt bzw. werkt. Die Öffi AG, das sind jene MitarbeiterInnen, die sich um die öffentliche Repräsentation der Beratungsstelle kümmern. Das betrifft einerseits die homepage, die nicht nur der Selbstdarstellung und Berichterstattung dient, sondern mit mehrsprachigen Rechtsinfos, Veranstaltungshinweisen und einer ausführlichen linkliste und auch einen umfangreichen Serviceteil bietet. Neben der zeitweiligen Weiterleitung besonders skandalöser Fälle an die Medien, ist die homepage zum wichtigsten Medium geworden, Erfahrungen aus der Beratung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Insgesamt engagieren sich ca. zwölf Personen im Verein, fünf bis sechs davon zusätzlich in der Öffi AG.

Wie so vieles ist auch diese Tätigkeit unbezahlt. Aber nicht umsonst: Durch Benefizkonzerte und –feste, Flohmärkte, den Verkauf selbstgedruckter T-Shirts, winterliche Glühwein- und sommerliche Sangriastände sowie den berüchtigten jährlichen Schnorrbrief an einen wachsenden Verteiler wird mittlerweile die Hälfte des jährlichen Budgets erwirtschaftet. Die andere Hälfte kommt aus Subventionen, im heurigen Jahr von der MA 17 und den Grünen. Davon kann nebst Miete und anderen Fixkosten die Beschäftigung von zwei „halben“ geringfügig Beschäftigten finanziert werden sowie Aufwandsentschädigungen für jene, die außer der Beratungstätigkeit am Mittwoch auch an einem zweiten Tag der Woche im Büro sind.

„Im Büro sein“ heisst: Berufungen schreiben, mit Behörden telefonieren, KlientInnen zu Verhandlungen begleiten, zwischendurch emails beantworten, die Post für die rund 90 KlientInnen sortieren, die keine andere dauerhafte Zustelladresse als die der Beratungsstelle haben. Das alles geht sich nur selten innerhalb der bezahlten Zeit aus. Das größte Spendenvolumen macht demnach immer noch die von den MitarbeiterInnen geschenkte Zeit aus.

(Eine mögliche Entschädigung: Immerhin erweist sich die Deserteurs- und Flüchtlingsberatung auch als „Karriereschmiede“: Akademikertrainings, Praktika und die „ganz normale“ Mitarbeit münden bei jenen, die es wollen, so gut wie immer in ein reguläres Dienstverhältnis bei einer größeren NGO. Der Preis der Ehrenamtlichkeit heißt aus Vereinssicht daher permanenter Abschied. Denn den Luxus, sich so intensiv und für sowenig Geld zu engagieren, bieten nur begrenzte Lebensphasen.)

Weitere Links zum Text:

http://www.strg.at

Marion Kremla, Deserteurs- und Flüchtlingsberatung
erschienen in asylkoordination aktuell 1/05


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